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Baupreise sinken um
5, 20, 25 oder 30 %

Zugegeben, Grund und Boden wird absehbar sicher nicht billiger, sondern wohl eher weiter teurer. Aber bei den Baukosten geht noch was. Nach unten nämlich. Wie, das sah Gerhard Rodler in Stuttgart.

Autor: Gerhard Rodler

Zwanzig Minuten hat er am Stück gesprochen. Und mit jedem Wort haben seine Augen mehr gestrahlt. Auch wenn er diesen Vortrag wohl schon 20, 30, wahrscheinlich 50 Mal so oder so ähnlich gehalten hatte, geht es immer noch mit ihm durch und der Zeitplan war schon nach dem ersten Vortrag weit überschritten. "Und wenn irgend geht, heben Sie sich die Fragen bitte zum Mittagessen auf", sagt Konstantinos Kessoudis, Leiter der BIM.5D-Entwicklung in der Zentralen Technik des Strabag-Konzerns mit Dienstsitz in Stuttgart. Drei Stunden später spricht er immer noch und das Grüppchen aus technisch mehr oder minder Halbgebildeten hängt immer noch an seinen Lippen.

Zukunft ändert sich radikal

Dass BIM (Building Information Modelling) die Zukunft des Bauens zeitnah radikal verändern wird, ist jetzt allen klar. Seit den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat sich die Produktivität der produzierenden Industrie in der westlichen Welt etwas mehr als verdoppelt, nur am Bau ist sie de facto gleich geblieben. Und: Nur 35 bis 40 % der eingesetzten Mittel kommen am Bau effektiv an, der größere Rest versandet in Doppel- und Mehrfachgleisigkeiten und der Behebung von Fehlern. Ein und derselbe Plan wird zehn bis 15 Mal aufs Neue bearbeitet, ein durchschnittlicher größerer Bau kann schon mal 30.000 Fehler aufweisen - alle externen Gewerke inbegriffen. Mit BIM.5D soll sich das ändern. Die Pläne liegen in der Cloud, alle - Architekten, Planer, Gewerke, Inneneinrichter, Haustechniker und später auch die Facility Manager - greifen auf ein und denselben Plan zu. Die Fehler poppen da auf, noch bevor sie zu einem Problem werden, der Kollisionsmanager zeigt sie nämlich automatisch an. Für die Koordination ist indessen ein neues Berufsbild entstanden, der BIM Manager.

Wenn virtuell Realität wird Wenn jeder die gleichen Daten hat, dann können Prozesse optimiert werden. BIM hilft so, Kosten zu sparen.

Alle an einem Strang

Für den und alle anderen BIM-Aktivitäten soll es sogar absehbar eine universitäre Ausbildung geben. Professuren sind aktuell unter anderem in Wien und Graz ausgeschrieben.Dass mit BIM künftig alle am Bau buchstäblich an einem Strang ziehen - und vor allem nur einen einzigen Plan bearbeiten (dies allerdings derzeit noch mit unterschiedlichsten gewerkespezifischen Software-Lösungen) ist zumindest finanziell keine große Sache, eher eine der entsprechenden Weiterentwicklungen. Die eine oder andere neue Planungssoftware allenfalls, um 3D darstellen zu können im Wesentlichen, das war es dann auch schon. Computer, Bildschirme - alles handelsüblich ohne großartige Ansprüche. Seit sich die Branche zunehmend auf ein international einheitliches Datenformat (IFC) einigt, gibt es keine großartigen Einstiegshürden mehr und de facto kann auch der kleine Installateur um die Ecke beim BIM mitmachen und auch One Man Shows in der Architektur- und Planerszene. Die Pläne werden nun aus einem 3D-Modell abgeleitet. Das sorgt dafür, dass sie sich nicht widersprechen, Fehler ausgemerzt werden und Abstimmungen getroffen sind, bevor die Pläne daraus abgeleitet werden. Wie erreicht man dies? Architekten, Planer, Gewerke, Inneneinrichter, Haustechniker und später auch die Facility Manager erstellen ihre Planung jetzt in 3D-Teilmodellen. Diese werden über die Cloud allen Beteiligten zur Verfügung gestellt und zu einem Gesamtmodell überlagert. In 3D, anders als mit 2D-Plänen, kann ein Computer jetzt helfen, Kollisionen zwischen einzelnen Teilmodellen automatisiert zu entdecken. Auch Menschen erfassen so komplexe geometrische Probleme rascher und können schneller Abstimmungen zwischen allen Planern erreichen. 2D-Pläne, die aus einem so abgestimmten Modell abgeleitet werden, sind praktisch fehlerfrei. Kessoudis redet immer noch. "Und BIM.5D rechnet sich sogar schon bei einem Einfamilienhaus. Tatsächlich wurde das auch schon ausprobiert." Man spürt seinen missionarischen Eifer bei jedem Wort. Mit gutem Grund: Es dauerte eineinhalb Jahrzehnte - seit 2001 -, bis BIM in den Vorstandsetagen des Strabag-Baukonzerns angekommen war. Davor konnte der Markt mit BIM in der Praxis wenig anfangen. Und was der Kunde nicht akzeptiert, gibt es eben auch nicht (wirklich).

Eigene Marke

Immerhin hat BIM-Pionier Strabag 2008 begonnen, das Thema ernst zu nehmen, die BIM.5D-Marke wurde geschützt, die Abteilung aufgebaut. Heute verfügt Kessoudis in seiner Abteilung in Stuttgart über 35 BIM-Experten, die aus allen Ländern kommen - von Kalifornien bis Taiwan, weitere acht sitzen in Wien. Demnächst soll die Abteilung auf bis zu 50 wachsen. Immerhin sollen alle der rund 73.000 Strabag-Mitarbeiter (in unterschiedlichen Tiefen vom Modellbauer bis zum reinen Anwender) auf BIM geschult werden, und das zeitnah. Denn auch wenn erst "eine verschwindende Minderheit am Markt BIM-Technologie nachfragt", wie Kessoudis einräumt, dürfte sich das sehr zeitnah ändern. Das Argument dafür: Baukosten, die bei identer Qualität, Marktlage und Marge für den Bauanbieter um einmal ein Fünftel, vielleicht sogar mehr, unter dem heutigen Preisniveau liegen werden. Umso überraschender, dass die professionellen Immobilienentwickler BIM für sich noch nicht entdeckt haben und diesen gigantischen Kostenvorteil noch nicht nutzen. Bislang nutzen in ersten Pilotprojekten die öffentliche Hand sowie Eigennutzer wie Siemens, Auto- oder Pharmakonzerne diese an sich bestechenden Möglichkeiten zur Kostenbremse.

Bis 2020 müssen die deutschen Infrastrukturbauten verpflichtend auf BIM umgestellt sein, in Spanien bereits 2018 und Frankreich sogar schon im Laufe dieses Jahres. Kessoudis spricht immer noch. "In Katar, Abu Dhabi, in Nordeuropa, Korea und Japan bewährt sich BIM bereits in der Praxis. Künftig wird es aber auch auf unseren Kernmärkten zwei Übergaben geben, die de facto gleich wichtig sind, einmal jenes des Gebäudes an sich und dann die Übergabe der Daten." Auch wenn es für Österreich, die Schweiz und Russland noch keinen offiziellen verpflichtenden BIM-Zeitplan gibt. BIM.5D ist aber auch dann, wenn das einmal flächendeckend überall als Standard im Einsatz ist, jedenfalls erst einmal ein Anfang. Denn der Brückenschlag zu einer weitgehenden Automation am Bau, wo Roboter im Einsatz sind und maßgefertigte Teile oder zumindest Schalungen direkt aus der Cloud gesteuert produziert werden, ist dann nur mehr ein relativ kleiner Schritt. Die Technologie ist vielfach schon da, und wenn erst einmal die Vernetzung steht, ist die Umsetzung dazu so gut wie auf Schiene. Kessoudis ist noch lange nicht fertig mit seiner BIM-Predigt. Der Flieger geht aber gleich, wir müssen los. "Die Beantwortung Ihrer Fragen baue ich in die Präsentation ein", ruft er uns noch nach. Wenn BIM eine menschliche Person wäre, dann wäre das wohl Kessoudis.

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