Immobilien Magazin

Covid-19 und Beherbergungsbetriebe

Eine Momentaufnahme vom Dezember 2020 und mögliche Optimierungsmaßnahmen für die Zukunft.

Autor: Natalie Neubauer-Muzicant, Gründungsmitglied von KENH Architekten ZT

Das Corona-Virus begleitet uns nun seit bald einem Jahr. Die Skisaison 2019/2020 wurde vorzeitig beendet und Beherbergungsbetriebe mussten am 16.3.2020 überraschend zusperren. Bis dahin lief die Saison eigentlich hervorragend und der österreichische Wintertourismus war auf dem besten Weg ein Rekordjahr hinzulegen. Der bis März erwirtschaftete Erfolg hat jedoch nicht ausgereicht, letztlich hat die Saison 2019/2020 ein sattes Minus von 15-20% eingefahren.

Seit fast 10 Jahren haben wir uns den Luxus gegönnt, die Weihnachtsferien skifahrend in Obertauern zu verbringen, unsere Kinder auf die Ski zu stellen, und die ruhigste Zeit des Jahres "en famille" zu genießen. Die Pandemie hat viele Familiensysteme ziemlich belastet, eine Auszeit hätten wir uns alle so dringend verdient. Die Vorbereitungen auf die diesjährige Saison waren deutlich intensiver und weit aufwändiger als in "normalen" Jahren, berichtet Mario Siedler, Tourismusdirektor von Obertauern. Leider gab es keine einheitlichen Vorgaben der Behörden, und die wenigen, die kommuniziert wurden, änderten sich ständig. Sogar zur allgemeinen Frage wann die Saison starten wird, kamen nur chaotische Signale aus der Politik. Es war für Beherbergungsbetriebe somit kaum möglich, sich entsprechend auf den Winter vorzubereiten.

"Die Maßnahmen sind mit allen Leistungsträgern der Region (Tourismusverband, Hotels, Bergbahnen sowie Behörden und Gesundheitsämtern) abgestimmt und werden den aktuellen Verhältnissen kurzfristig angepasst" steht beispielsweise auf der Homepage der CSA Skischule, die bis zum 23.12. nicht wusste, ob und wie sie unterrichten dürfe. Großen Betrieben ist es etwas leichter gefallen. Hygienekonzepte bestanden bereits zumindest teilweise, man musste ja schon in den vergangenen Jahren diverse Noroviren und dergleichen "in den Griff" bekommen. Kleinere Betriebe wurden von den Tourismusbehörden unterstützt, und Kooperationen wurden organisiert, um Hygienestandards zu verbessern, wie beispielsweise mit der Firma Hagleitner, ein Leitbetrieb in Sachen Hygiene. So hängen etwa in allen Beherbergungsbetrieben, Restaurants und Skischulen an den Wänden berührungslose, derzeit aber unbenutzte, Handdesinfektionsspender. "Das Bewusstsein und die Konzepte sind vorhanden, es haben sich alle darauf vorbereitet und zum Schluss war es zumindest für die so wichtige Weihnachtssaison für die Katz" und: das ist das Allerwichtigste, beim Skifahren hat sich noch niemand angesteckt", meint Mario Siedler. Da alle diese Maßnahmen aber die Sperre der Beherbergungsbetriebe nicht verhindern konnten, drängt sich folgende Frage auf:

Hätte die Sperre für gewisse Betriebe verhindert werden können (oder sollen), bei denen gewisse zusätzliche, vor allem bauliche Maßnahmen, den Kontakt der Gäste verhindert oder deutlich reduziert hätten? Müssen alle Betriebe gleich behandelt werden, sind Hotels mit Apartmenthäusern zu vergleichen? Dies ist zweifellos ein heikles Thema, wie von allen Seiten bestätigt wird. Josef Storch, Hotelier in Obertauern, der sowohl mit dem Hotel Panorama als auch dem Apartmenthaus Foxy in beiden Segmenten tätig ist, meint dazu: "Die Logik alleine reicht nicht aus, auch die Hotellerie hat brav ihre Hausaufgaben gemacht. Sie hat aufwändig ihre Mitarbeiter/-innen geschult und laufend auf Infektionen getestet, gewissenhaft das Tragen von Mund-Nasenschutz eingeführt und überwacht sowie Konzepte für Sicherheitsabstände im Wellness- und Restaurantbereich entwickelt. Es gibt diverse Verordnungen und dahingehend wurden passende Lösungen produziert." Dennoch ist offensichtlich, dass sich aufgrund der Art der Beherbergung Unterschiede in der "Corona-Tauglichkeit" ergeben. Durch geschickte bauliche und sonstige Maßnahmen kann aber jeder Beherbergungsbetrieb seine "Corona-Tauglichkeit" verbessern. Folgend ein paar Denkanstöße für derartige Konzepte:

Reduktion von Kontakten:

Natürlich sind wir im Urlaub gerne unter Menschen, es gehört dazu "sich bewirten" zu lassen, und mit anderen Urlaubern ins Gespräch zu kommen. Um diese Kontakte in Covid-Zeiten zu minimieren, kann moderne Technik eingesetzt werden.

Organisatorische Abläufe können automatisiert bzw. aus der Entfernung erledigt werden. Statt einer Rezeption steht im Eingangsbereich ein Automat, der die Schlüssel per Code ausgibt, gewisse Schritte des Check-in, Check-Out und der laufenden Betreuung können aber auch online und remote über Handy und Apps erledigt werden, wie Bezahlung, Aufnahme der Meldedaten, Bestellungen, etc., sofern nötig auch per Videochat; der physische Kontakt zum Personal fällt somit vollkommen weg. Derartige vollautomatisierte Varianten des Check-ins und der Abrechnung wurden auch schon vor Covid in manchen Apartmenthäusern umgesetzt. Ein wunderbares Beispiel ist das Apartmenthaus Foxy von Familie Storch.

Eröffnet im November 2019, nach einer Planungsphase von über zwei Jahren und einer Bauzeit von weiteren zwei Jahren, ist das Foxy aus dem Bedarf der Mitarbeiterunterbringung für ein Hotel entstanden. Josef Storch wagte ein neuartiges Projekt. Auf einem relativ kleinen Grundstück wurden effizient gestaltete Mitarbeiterwohnungen sowie zwei Einheiten für den Eigenbedarf errichtet. Um das Ganze zu finanzieren wurden zudem noch Gästeapartments in das Projekt integriert. Eine klassische Rezeption sucht man vergeblich, denn diese zu besetzen hätte zwei volle Mitarbeiter/-innen erfordert, deren Gehälter die Kosten der Gästeapartments erheblich erhöht hätten. Die Idee eines komplett eigenständigen Selfservice-Apartmenthauses war geboren, auch wenn diese nicht von Corona getrieben war.

"Die Gäste wollen ungebunden sein, der Gast ist individueller geworden und somit kann er kommen bzw. gehen wann er will. In Corona-Zeiten natürlich optimal!", so Storch. Der Check-in-Automat spielt in dem Konzept eine zentrale Rolle. Über diesen begleicht der Gast seine noch offene Rechnung, codiert und bezieht seine Zimmerschlüssel, stellt eine direkte Sprechverbindung mit Herr Storch her, sofern gewünscht auch als Videoverbindung ins Stammhaus, lässt sich Pakete kontaktlos an vordefinierte Orte liefern, um nur einige der möglichen "Features" zu nennen. Die moderne Technik ermöglicht eine sichere Interaktion zwischen Personal und Gast ohne physischen Kontakt. Der Snackautomat, wo Gäste neben "Packerl Gulasch" und diversen Snacks auch FFP2 Masken beziehen können, runden das Konzept ab. Selbst die Sauna kann remote gebucht und geheizt werden.

"Wir sehen den Gast während des gesamten Aufenthalts nicht, die Apartments werden nur endgereinigt und bis heute gab es auch keine nennbaren Schäden. Der Gast zahlt im Vorhinein bargeldlos per Kreditkarte am Automaten. Er bleibt daher auch greifbar, sofern was passiert. Das funktioniert gut und die Erfahrung ist eine sehr positive", erzählt uns der Betreiber. Die Entflechtung der Kontakte in Hotels ist eine komplexere Aufgabe. In Hotels, in denen Gäste gemeinsam essen, müssen die Abstände zwischen den "Zimmerbewohnern" bzw. deren Tischen entsprechend maximiert werden. Zusätzliche Räumlichkeiten, z.B. Lounge oder Kaminzimmer, können zum erweiterten Speisesaal umfunktioniert werden. Außerdem können mit Zeitplänen für Mahlzeiten, Sauna oder Skikeller die Begegnungen ebenfalls stark reduziert werden. Wie so oft erfordert dies aber die Disziplin und das regelkonforme Handeln aller Beteiligten. Diverse Luftfilterungssysteme, wie HEPA Filter, UV-Licht-Luftreiniger, sind weitere Maßnahmen die eine etwaige Virenlast deutlich reduzieren können.

Bauliche Maßnahmen

Gefährlich für das Infektionsrisiko sind bekannterweise Räume, in denen Menschen längere Zeiträume und allenfalls sogar ohne Mund/Nasen-Schutz mit Personen anderer Haushalte verbringen, wie der Speisesaal oder die gemütliche Hotellobby. Durch entsprechende Planung der Raumhöhe und Luftzirkulation oder Speiseräume mit Nischen oder räumlichen Trennungen, kann eine deutliche Reduktion der Virenlast erreicht werden. Die Gastronomie hat in den letzten Monaten teilweise sehr kreativ auf diese Themen reagiert, diverse Gastgärten wurden Covid-bedingt "aufpoliert", Heizstrahler, Windschutz, mobile Dächer oder aufblasbare "Bubbles" wurden installiert, im Prinzip Plastikhäuser, die pro Haushalt oder Tischgesellschaft als eigener Räume fungieren, und im Außenbereich, manchmal auf Dächern aufgestellt wurden (z.B. Ritz Charlton Moscow oder Feuerdorf am Donaukanal, welches zwar lange vor Covid entstanden ist, aber gut ins Konzept passt). Derartige Konzepte können natürlich auch bei Beherbergungsbetrieben umgesetzt werden.

Aber man kann natürlich noch wesentlich größer denken; die Anpassbarkeit bestehender Betriebe ist nur ein Teil dieses Diskurses. Große Chancen bergen auch neue Typologien, die sich aus der Problemstellung Covid ergeben. Den Personenverkehr der Gäste nach draußen zu verlegen, beispielsweise durch eigene, außenliegende Zugänge zu den Zimmern oder Apartments (außenliegende Gänge), oder das genaue Gegenteil: die Typologie der alten Herrenhäuser, in denen die damaligen Dienstboten aus fast geheimen Gängen im Inneren, aus Parallelwelten, ihre Herrschaften bedient haben. Was könnte das übersetzt auf die Beherbergungsbetriebe von heute bedeuten? Zum Beispiel das in einem eigenen Apartment gespeist wird, fertig angerichtet in einer Art Durchreiche / Wand oder Kasten. Das Service bleibt vollkommen kontaktlos, der Gast hat den Luxus im Pyjama oder in der Skiunterwäsche speisen zu können, und abgeräumt wird nach Verlassen des Apartments, denn schließlich ist man ja zum Skifahren angereist. Ein bereits mehrfach umgesetztes, relativ neues Hotelkonzept sind verlassene Dörfer, die in Hotelkomplexe verwandelt werden. Die Gäste wohnen in ihrem eigenen Häuschen, es werden rohe Nahrungsmittel oder fertig zubereitete Speisen an die Tür geliefert, das Level an Interaktion ist vollkommen frei wählbar. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt, aber die altbekannten Hoteltypologien werden in den nächsten Jahren auch covidbedingt überdacht werden müssen.

Covid wird uns leider noch länger begleiten und wird wahrscheinlich nicht die letzte Pandemie dieser Art sein. Jeder Beherbergungsbetrieb wäre daher gut beraten, sich auch langfristig mit diesen Themen auseinander zu setzen und seinen Betrieb anzupassen. Die Möglichkeit, sich zu "erholen" und eine "Auszeit" zu genießen, ist gerade in Zeiten einer Pandemie mehr als sinnvoll, und daher müssen wir uns kurzfristig mit umsetzbaren Maßnahmen auseinandersetzen. Die Gäste und ihre Bequemlichkeit sind anspruchsvoll und ihre Sicherheit ein wichtiges Ziel.

Was wünscht sich Obertauern für die Zeit nach dem Lockdown und die Saison 2020/21?

Allem voran Planungssicherheit und ein normales Wiedereröffnen der Saison. Die neue Wirklichkeit ist sicherlich komplex, aber je mehr standardisierte Sicherheitsund Hygienekonzepte in allen Bereichen eingeführt werden, umso besser. So kann man kann der Welt beweisen, dass Skifahren, mit den entsprechenden Vorkehrungen, auch in der Pandemie möglich ist. Hundertprozentige Sicherheit gibt es natürlich nicht, weder zu Hause noch im Urlaub. Trotz sorgfältigster Schutzmaßnahmen kann Covid-19 übertragen werden, aber kluge Konzepte und gute Architektur können ihren Teil dazu beitragen, diese und folgende Pandemien zu meistern und gut zu überstehen.