Immobilien Magazin

DIE KULTURGESCHICHTE DES BÜROS

Bürogebäude sind so viel mehr als reine Zweckbauten. Sie spiegeln im "Kleinen" das Unternehmen, das sich darin befindet, ebenso wie die Gesellschaft und ihre Entwicklung in der Gesamtheit. Das Büro von morgen, seine Funktionen, seine Entwicklung und Nutzung ist als Thema fest in der Immobilienbranche verankert. Doch das Büro der Zukunft lässt sich nicht sinnvoll denken, wenn man nicht den Weg kennt, den die Entwicklung dieser Assetklasse im Laufe der Geschichte gegangen ist. Eine Zeitreise.

Autor: Barbaba Wallner

In der frühen Menschheitsgeschichte besteht für Büros kein Bedarf - Siedlungen und Gemeinschaften sind zu klein, um eine Verwaltung zu erfordern, Geld- und Bankwesen sind noch kein Thema, Arbeit ist Produktion. Arbeits- und Lebensräume wandern erst später auseinander, als Gesellschaften größer und komplexer werden, Arbeitsteilung wird zum Thema, Verwaltung notwendig. Die ersten "Büros" treten in der Antike auf den Plan - und sind den unseren schon näher, als unser modernes Ego es gerne hört.

Die Antike - so fern und doch so nah

Wie weit sind wir doch gekommen - trag- bare Laptops machen Desksharing und Mobile Work möglich, Arbeit ist unabhängig von Zeit und Ort. Die Technik macht es möglich. Oder so scheint es. Denn schon im alten Ägypten ist "Hot-Desking", wie es so schön heißt - der flexible Arbeitsplatzwechsel - durchaus üblich. So haben die altertümlichen Schreiber keinen fixen Schreibtisch, sondern tragen stets ihre Schreibutensilien bei sich - eine "Schreibbinse", ähnlich einer Schreibfeder, ein Beutelchen mit Farbe und eine Stein- oder Holzpalette, auf der die Farben angemischt werden. So sind Schreiber unabhängig und vielerorts einsetzbar. Eigene Verwaltungsgebäude gibt es nicht - Schreibstuben und Archive sind in Tempel- oder Palastanlagen untergebracht. Auch hier wird allerdings schon eine Einteilung getroffen: Bestimmte Tätigkeiten - Finanzen, Buchhaltung und so weiter - sind unterschiedlichen Räumen zugewiesen, wohl um ein Durcheinandergeraten der Papyrusrollen zu vermeiden. Auch in der griechischen und römischen Antike finden sich Verwaltungszentren, die bereits frühe Vorläufer der Großraumbüros beherbergen - in Zellen abgeteilte Arbeitsnischen, angrenzend an Gemeinschafts- und Meetingräume. Tatsächlich wird die heute eher mit Kirchenbauten verbundene Basilika ursprünglich als Markt- und Gerichtshalle konzipiert und braucht dementsprechend auch Platz für die damit verbundenen Aufzeichnungen - das "Backoffice", würde man heute sagen.

Der Beginn der Privatwirtschaft

Auch im Mittelalter löst sich die Verwaltung noch nicht von der weltlichen und kirchlichen Obrigkeit. Das Schreiben an sich ist in erster Linie dem Klerus vorbehalten, im frühen Mittelalter ist es auch im Adel nicht üblich, schreiben zu lernen. In Klöstern befinden sich Schreibstuben, wo Mönche von Hand Bücher kopieren. Hier hat das Wort "Büro" seinen Ursprung. Die Pulte, an denen die Mönche sitzend oder stehend arbeiten, sind mit einem groben Wollstoff überzogen, der im Altfranzösischen als "Burel" bezeichnet wird. Mit der wachsenden Macht der Städte erfährt der Handel in Europa einen neuen Aufschwung, mit einem ebenfalls erstarkten Bürgertum entwickelt sich erstmals eine Privatwirtschaft. Kaufmannsgilden, Compagnien und Zusammenschlüsse wie die Deutsche Hanse bilden ein Handelsnetzwerk, das den Handel von regionaler auf internationale Ebene hebt. Zusätzlich bringt das Mittelalter von Italien ausgehend neue Formen der Buchhaltung und Finanzierung. Die Entwicklung des Büros löst sich hier endgültig von der staatlichen Verwaltung. Dreh- und Angelpunkt der Handelstätigkeiten ist der Arbeitsraum des Kaufmannes. Hier wird die Ware auf Qualität überprüft, Geldtransaktionen abgewickelt (was im Wesentlichen aus Abwiegen und Abzählen von Münzen besteht) sowie Geschäftsbücher geführt und Briefverkehr mit Handelspartnern abgewickelt. Die wesentlichen Utensilien sind dabei Gänsekiel, Tintenfass, Schreibpult und Münzwaage. Schriftstücke werden zu dieser Zeit nicht alphabetisch, sondern chronologisch geordnet in Geschäftsbüchern oder lose gestapelt. Die Stapel werden oftmals auf einer Bank nebeneinander aufgestapelt. Daher kommt auch der Ausdruck "auf die lange Bank schieben" - eine Praxis, die heute noch durchaus üblich ist, nur dass die Bank durch den E-Mail-Posteingang ersetzt wurde. In der Renaissance erleben die europäischen Handelsgeschlechter, allen voran die Fugger und Medici, ihre Hochblüte. Die Macht der Medici in Florenz wird sogar so groß, dass sie für die umfangreichen Verwaltungsaufgaben ein eigenes Gebäude brauchen. Das Ergebnis sind die berühmten Uffizien, die das englische Wort "Office" prägen. Sie gelten als das erste "echte" Bürogebäude - ein reines Arbeitsgebäude, das nicht der Produktion, sondern ausschließlich der Verwaltung dient. Für den Neubau muss ein komplettes Stadtviertel weichen, die romanische Kirche San Piero Schieraggio und die Münzprägerei Zecca werden integriert.

Die Macht der Kolonialherren

Mit dem Beginn der Kolonialzeit im 16. Jahrhundert wird Handel erstmals buchstäblich weltumspannend. Die Britische und Niederländische Ostindien-Kompanie bauen über mehrere Jahrhunderte ihr Handelsmonopol in der neuen Welt stetig aus. Dementsprechend soll schon die Architektur die Macht und den Erfolg des Unternehmens spiegeln - eine Annäherung, die sich bis heute wenig verändert hat. Mit dem Wachstum solcher großer Organisationen werden die ersten Gebäude errichtet, die ausschließlich für den Bürobetrieb konzipiert sind. Das Hauptquartier der British East India Company befindet sich seit der Gründung 1600 in der Londoner Leadenhall Street, ursprünglich in einem Wohnhaus, das Anfang des 17. Jahrhunderts durch einen neuen Prestigebau ersetzt wird. Das Gebäude ist deutlich größer als von außen zu erwarten ist, was vor allem den diversen Anbauten im hinteren Teil geschuldet ist. Im Inneren gibt es neben den Arbeitsplätzen der Mitarbeiter große Versammlungssäle, mehrere Direktorenbüros sowie einen Innenhof und einen Garten, die alle für Empfänge genutzt werden können. Im "Directors' Court Room", vergleichbar mit dem heutigen Boardroom, prangt ein Flachrelief, das "Britannia", das personifizierte britische Reich, zeigt, der die Reichtümer der Kolonien im Osten dargebracht werden.

Industrialisierung - arbeiten wie die Maschinen

Die Industrielle Revolution bringt unzählige neue Wirtschaftssparten, die alle organisiert und verwaltet werden müssen: Finanzwesen, Eisenbahn, Versicherungsgesellschaften, Telegraphie oder Ölindustrie stellen immer spezifischere Anforderungen an Büros. Die meisten Schreibtische verfügen über Regale und Ablagen oberhalb der Tischplatte, die als Raumteiler fungierten und dadurch ein gewisses Maß an Privatsphäre für die Angestellten ermöglichen. 1915 führt die amerikanische Versicherungsgesellschaft AXA auf Anraten F.W. Taylors - eines der ersten Management Consultants - neue Tische ein. Diese haben Papierablagen unterhalb der Tischplatte, wodurch die Angestellten besser im Blick zu behalten sind. Durch hohe Grundstückspreise steigt der Ansporn, in die Höhe zu bauen - eine Strategie, die durch den Aufzug sowie den Stahlskelett- und Stahlbetonbau möglich gemacht wird. Mit der Geburt der Wolkenkratzer ändern sich nicht zuletzt Stadtplanung und -optik grundlegend - viele Menschen auf wenig Raum bedeuten in den entsprechenden Gebieten auch eine erhöhte Verkehrsbelastung. Doch nicht nur technisch, auch bei menschlichen Tätigkeiten ändert sich der Arbeitsalltag grundlegend. Unternehmen werden größer, vielseitiger, Staatsapparate werden aufwendiger, was Besteuerung und Auflagen angeht. Die Folge ist eine Flut von Papier und Schreibarbeiten. Bahnbrechend ist hier die Erfindung der Schreibmaschine. Mensch und Maschine werden ab jetzt auch im Büro ein Team, nicht mehr nur in der Produktion. Wurde das Beherrschen der Schreibmaschine zunächst als Qualifikation betrachtet, kommt es langfristig aber zu einer Dequalifizierung gegenüber dem Schreiberberuf - Typisten sind nun-mehr auf eine rein ausführende Tätigkeit beschränkt, werden fast Teil der Maschine. Mit dem Wandel der Arbeitsorganisation kommt es allmählich zu einer Feminisierung des Office - Frauen, denen Bürotätigkeiten nicht zugänglich waren, dürfen nun als Typistinnen und Sekretärinnen Routinetätigkeiten erledigen. Von der Schreibmaschine aus verbreiten sich Frauen im Laufe des nächsten Jahrhunderts zunehmend über die gesamte Unternehmensorganisation.

Die Wissensgesellschaft

Moderne Kommunikationstechnologie, IT und Digitalisierung formen Büroarbeit ab der Mitte des 20. Jahrhunderts, begonnen mit Telefon, Fax und in weiterer Folge Smartphone und E-Mail. Routinetätigkeiten wie Briefverkehr, Buchhaltung und andere Verwaltungsaufgaben nehmen weniger Zeit und Raum ein, einige Berufsbilder können mit technischen Hilfsmitteln zumindest teilweise eingespart werden. Von den ausführenden Tätigkeiten geht der Fokus immer stärker über auf "Wissensarbeit" - Organisationen werden sich der eigenen Mitarbeiter als "Human Resources", also auch intellektuelle Ressourcen, zunehmend bewusst. Kommunikation unter den Mitarbeitern ist nun kein Arbeitshindernis mehr, sondern wird als Innovationsmotor begriffen. Bereits in den 50er-Jahren kommt das Konzept der "Bürolandschaft" auf, dessen Grundgedanke es ist, die Arbeitsumgebung "familiär" zu gestalten. Es soll ein Raum geschaffen werden, der den Mitarbeitern ein Gemeinschaftsgefühl geben soll, gleichzeitig wird eine hohe Personalisierung des Arbeitsplatzes begrüßt - Fotos der Kinder oder kleinere Gegenstände aus dem eigenen Zuhause sollen den Arbeitsplatz mit Wohlfühlfaktor ausstatten. Diese Großzügigkeit findet, zumindest in Kontinentaleuropa, mit der Wirtschaftskrise 1973 ein jähes Ende. Man findet wieder zum Raster kleinerer Räume und einen zentralen Korridor zurück, Räume werden wieder unflexibler. Gleichzeitig führt das für die einzelnen Mitarbeiter zu einem gewissen Besitzgefühl des eigenen Büros und mehr Privatsphäre. Die beginnende Ära der Mobiltelefone und Laptops in den Achtziger- und Neunzigerjahren lässt von einer Gesellschaft des Teleworkings träumen, das papierlose Büro wird für die nahe Zukunft angesagt. Das neue Jahrtausend bringt wieder Flexibilität - mehr denn je, so scheint es. Den wenigsten ist bewusst, dass das neue und innovative Desksharing schon vor Tausenden Jahren "in" war. Aktuelle Trends und ihre Nachhaltigkeit in der heutigen Büroplanung würden wohl mehr als einen zusätzlichen Artikel hier füllen - insofern schließen wir unsere Zeitreise hier ab. Was auch immer kommen wird: Es wird spannend sein, zu sehen, ob es tatsächlich neu ist. Oder ob sich die Geschichte - mitunter nach Jahrtausenden - doch immer wiederholt.