Immobilien Magazin

Die Mentorin

Carmen Dilch bezeichnet sich selbst "durch und durch" als Projektmanagerin. Im Gespräch wird aber schnell klar, dass dieser Berufstitel in ihrem Fall viel weiter gefasst und komplexer verstanden werden muss als gemeinhin üblich.

Autor: Barbara Bartosek

Ein ausgeprägter Leistungsgedanke wurde bei der jungen ausgebildeten Bauingenieurin schon sehr früh, in der Schulzeit, geprägt. Taschengeld gab es nämlich in ihrer Familie keines, dafür aber monetäre Zuwendungen für Noten, was aus ihr im Musikgymnasium eine Einser-Schülerin gemacht hat. "Das Leistungsprinzip dahinter war gar nicht die Absicht meiner Eltern, es hat sich eher so ergeben und bei mir persönlich, anders als bei meinen Brüdern, sehr stark verankert", erinnert sich Dilch. So kam es auch, dass sie sich vor allem auf jene Fächer gestürzt hat, die sie besonders herausforderten, darunter "Geometrisch Zeichnen". Deswegen (und auch, weil ihr ein eher mangelndes Gesangstalent attestiert wurde) wechselte sie nach der Unterstufe an eine HTL für Hoch- und Tiefbau. Während dieser berufsbildenden Schulzeit hat sie bereits nebenbei in einem technischen Büro gearbeitet und statische Berechnungen durchgeführt.

In Dilchs Erinnerung war das eine eher einsame Tätigkeit am Computer, aber immerhin gut abseits der klassischen Bürozeiten durchführbar. Nach der HTL sollte dort erst einmal ein Selbsterhalterstipendium "erarbeitet" werden, um nach einiger Zeit ein Studium finanzieren zu können - aber vom damaligen Chef kam der bessere Vorschlag, doch ein berufsbegleitendes Studium zu absolvieren. Und so konnte die Berufseinsteigerin gleichzeitig auch ihr Bauingenieurwesenstudium starten.

Aufbauprogramm

"Bei mir hat immer eines automatisch zum anderen geführt, alles aufeinander aufgebaut. Mein fortführender Bildungsweg, sowie meine parallele berufliche Laufbahn waren immer sehr geradlinig. Der Statiker, bei dem ich gearbeitet habe, war einer meiner Professoren an der HTL. An der FH Campus Wien im Department Bauingenieurwesen - Baumanagement ist auch schnell die Studiengangsleitung auf mich aufmerksam geworden und hat mich in der ECC Projektconsult, einer Baumanagementgesellschaft, engagiert. Es gab immer Mentoren aus dem Bereich der Lehre, die mich zu meinen beruflichen Stationen geführt haben", erzählt Dilch.

Auch den Kontakt zum aktuellen Arbeitgeber, der Go Asset Development, hat ihr einer ihrer Professoren an der FH Campus Wien 2008 gelegt. Er war überzeugt, dass Dilch genau die richtigen Qualifikationen mitbringt, die in dem ein Jahr zuvor gegründeten Unternehmen für Logistik-Projektentwicklung benötigt wurden. Carmen Dilch nahm dort ihre Arbeit auf und bildete sich postgradual mit dem Studium "Real Estate Investment & Valuation" an der TU-Wien weiter, um rasch fit für die Immobranche zu sein. Aber 2009 kam auch schon die große Wirtschaftskrise. Für die junge Mitarbeiterin hatte dies bald schon einmal einen Stillstand bei den beruflichen Aufgaben zur Folge: "Wenn Wirtschaft und Industrie aufhören zu produzieren, braucht es keine neuen Logistikflächen mehr, also gab es Schlag auf Schlag keine weiteren Projekte."

Chancen ergreifen

Auch hier zeigt sich wieder die Gunst der Stunde, dies zieht sich wie ein roter Faden durch Carmen Dilchs Werdegang. Zeitgleich mit dem Rückgang der Aufträge in der Logistikimmobilienentwicklung entstand bei ihrem ehemaligen Arbeitgeber, der ECC, Bedarf an Verstärkung in der Projektleitung für ein Großbauvorhaben. In gutem Einvernehmen mit allen Beteiligten ging sie interimistisch zurück zur ECC - dort engagierte sie sich als Baumanagerin in der Projektleitung der Bahnhofcity Wien West. Die Auftraggeberin ÖBB fand Gefallen an der jungen Technikerin, die gut mit Menschen umgehen konnte und sich ganz natürlich in den Konzernstrukturen zurechtfand. Das gute Feedback führte zu einem Folgeprojekt in Bruck an der Mur, wo der Ausbau des Bahnhofs nicht ganz wunschgemäß verlief. Dilch wurde beauftragt vor Ort "alles wieder geradezurücken". Zeitgleich begann sie an der FH Campus Wien Projektentwicklung vorzutragen, da ihr ehemaliger Professor dieses Fachs leider erkrankte.

Keine Theorie ohne Praxis

"Mich störte, dass ich in den Vorlesungen nicht 'aus dem Nähkästchen plaudern' konnte, schließlich war ich ja zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in der Projektentwicklung tätig", so Dilch über ihre damalige Motivation, wieder bei Go Asset vorzusprechen. "Damit ich besser aus der Praxis erzählen kann, bat ich, mich nebenher doch wieder das eine oder andere Projekt umsetzen zu lassen." Und man wurde sich einig. Carmen Dilch war untertags in Bruck an der Mur, dann 17:30 - 21:30 an der FH Campus Wien vortragen, dann wieder um 6:00 früh auf der Baustelle in Bruck. Die Umsetzung der Projektentwicklungen für die Go Asset konnte an vorlesungsfreien Abenden und am Wochenende stattfinden. Nach Fertigstellung des steirischen ÖBB Bahnhofs, stand plötzlich auch eine Entscheidung im Raum: Sowohl von der ECC als auch von Go Asset gab es nun zwei spannende Jobangebote. Dilch entschied sich für die Go Asset, "weil die dort gebotenen persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten am besten zu mir gepasst haben".

„Bei mir hat immer eines automatisch zum anderen geführt, alles aufeinander aufgebaut.“

Mit ihrem erneuten Eintritt 2014 erhielt sie auch eine Unternehmensbeteiligung, was sie, laut eigenen Angaben, von der Bedeutung zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht richtig einordnen konnte. Der Erfolg der Projekte war immer ihre größte Motivation. Und da ihr Geschäftsführer und Geschäftspartner selbst auch intensiv in seinem Familienunternehmen engagiert war, hatte Carmen Dilch viele Gestaltungsmöglichkeiten im Unternehmen. Nebenbei absolvierte sie erfolgreich die Baumeisterbefähigungsprüfung.

Ausgezeichnet

Der größte Erfolg war für sie die Entwicklung des Zentrallagers für den Textilriesen KIK mit über 40.000 m². Als damals 3-köpfiges Team hat Go Asset in einer eigenen Projektgesellschaft die gesamte Projektentwicklung verantwortet. Mit dem profunden Know-how und ihrer Professionalität hat sie sich gegenüber den großen Playern am europäischen Markt durchgesetzt und das 1. DGNB Gold zertifizierte Logistikprojekt für diesen Weltkonzern in der Slowakei entwickelt. Ein wichtiges Großprojekt in der Unternehmensgeschichte der Go Asset.

U.a. dafür wurde Carmen Dilch mit dem Cäsar "Small Diamonds" Ende 2017 ausgezeichnet. Diese Ehrung war gleichzeitig der Startpunkt für ihren Mutterschutz, sie verabschiedete sich in eine einjährige Familienauszeit samt hochschuldidaktischer Ausbildung. Mittlerweile hat sie ihre Anteile an der Go Asset veräußert und sich auf das Österreich-Geschäft mit der Leitung der City Logistik reduziert, um mehr Zeit für andere Themen zu haben, die ihr am Herzen liegen.

Dilch hat nun ihre Engagements als Vortragende weiter ausgebaut, um ihr Wissen weiterzugeben und selbst die Förderung, die sie als Schülerin und Studentin erfahren hat, anderen jungen Menschen zuteilwerden zu lassen. Sie lehrt nach wie vor an der FH Campus Wien, sowie an der TU-Wien, der ARS, sowie weiteren Institutionen und wurde 2019 für den ARS Docendi-Staatspreis für exzellente Lehre an öffentlichen Universitäten Österreichs nominiert. Außerdem ist sie als Studienlehrgangsleiterin am Aufbau eines neuen Masterstudiums für Real Estate Management am WIFI in Kooperation mit der FH Wien beteiligt. "Lernen mit- und voneinander bereitet mir große Freude. Meine Motivation ist die Unterstützung anderer, ich stehe immer in engem Kontakt zu meinen Studierenden, denn ich möchte das Geschenk, das ich durch meine Mentoren erhalten habe, weitergeben. Wie wichtig mir das ist, habe ich gemerkt, als ich einmal durch Zufall meinen Namen in einem Artikel über eine meiner ehemaligen Studentinnen gelesen habe. Sie hat mich als eine ihrer ersten Unterstützerinnen genannt - und genau das möchte ich sein. Ich war unglaublich stolz."

Netzwerke sind keine Einbahnen

Wer nun meint, Carmen Dilchs Tageseinteilung ist mit Aufgaben bereits komplett ausgefüllt, der irrt. Sie engagiert sich in mehreren Berufsnetzwerken, und zwar richtig. Bei den ImmoABS, dem Alumninetzwerk von Absolventen von Immobilienausbildungen an der TU Wien, war sie von 2012 bis 2016 Vorstandsvorsitzende: "Ich war damals noch keine Führungskraft, aber mit Unterstützung des restlichen Vorstandsteams fand ich dort die Gelegenheit, mir die nötigen Qualifikationen anzueignen und mich auszuprobieren." Einladungen zu vielen Events folgten, sie ging praktisch zu allen und erarbeitete sich so langsam ein tragfähiges Netzwerk. Heute nimmt sie auf ihren Veranstaltungsbesuchen ein bis zwei Studierende mit, damit die Jungen ihre Schwellenangst abbauen können. "Das ist eine Win-Win-Situation für alle. Die jungen qualifizierten Menschen sind auf der Suche nach beruflichen Betätigungsfeldern. Umgekehrt suchen die Unternehmen den Kontakt zu den Studierenden, um sich als potenzielle Arbeitgeber positionieren zu können. Die Bau- und Immobilienwirtschaft ist ein 'People Business'. Ein Zitat von Wilhelm Freiherr von Humboldt bringt in diesem Zusammenhang für mich am besten auf den Punkt, was mir wichtig ist: Im Grunde sind es immer die Verbindungen mit Menschen, die dem Leben seinen Wert geben."

Erfolg auf drei Säulen

Um Erfolg zu haben und andere beim Erfolgreich-Sein zu unterstützen, sind die drei zu einander gehörenden Säulen 'Lehre', 'berufliches Netzwerk' und 'Wirtschaft' für Carmen Dilch essenziell. "Ich kann meine Netzwerke nicht ohne meinen fachlichen Background und meine Hochschulkontakte bedienen - gleichzeitig befähigen mich mein Anwenderwissen und mein berufliches Netzwerk dazu, an den Hochschulen wirklich etwas weitergeben zu können." Nach ihrer ersten Periode als Vorstandsvorsitzende der ImmoABS hat sich Carmen Dilch nicht wieder aufstellen lassen, weil sie als Stv. Vorstandsvorsitzende in das Austrian Board von RICS bestellt worden ist und nicht 2 Positionen gleichzeitig in Immobiliennetzwerken bekleiden wollte. Der Vorsitz kam für sie nicht in Frage, weil das aus eigener Erfahrung eine sehr zeitintensive Tätigkeit ist. Aus gutem Grund: "Mein größter Erfolg war für mich die einjährige Familienauszeit während meiner Karenz. Das war für mich ein großer, aber sehr wichtiger Schritt: raus aus der Komfortzone und noch dazu direkt am Peak meiner Karriere. Diese Zeit war wunderschön. In der Projektentwicklung 'zischen' die Tage nur so vorbei - ich wollte mir bewusst Raum für viele wertvolle private Momente schaffen und aus dem Hamsterrad hinaustreten." In der Arbeit packt die Technikerin nämlich "zu" schnell der Ehrgeiz, sie brennt für ihre Ideen. Ihre Engagements in der Lehre zählt Dilch selbst nicht dezidiert zur "Arbeit". Das funktioniert nur mit Teamwork, sowohl im beruflichen als auch im privaten Kontext. "Ich bin eine große Teamplayerin. Man geht keinen Weg allein und ich habe auch als Führungskraft noch keines meiner Ziele im Alleingang erreicht. Jeder benötigt die Unterstützung, aber auch das Vertrauen anderer. Ich habe das große Glück, dass ich immer mit großartigen Menschen zusammenarbeiten durfte und sich mir diese tollen Chancen boten." Angesichts ihres nicht enden wollenden Engagements, ist die Karriere von Carmen Dilch aber bestimmt nicht einfach nur "Glück".