Immobilien Magazin

HEILSTÄTTEN-BLUES

In der Filmbranche wird Berlin oft auch als Grusel-Hauptstadt bezeichnet. Was vor allem den vielen verlassenen Heilstätten in der Metropole zu verdanken ist. Diese kränkeln nicht nur am Verfall, sondern vor allem an der Historie.

Autor: Romana Kanzian aus Berlin

Nazis und Sowjets hinterließen ihre Spuren, und über vielen der teilweise immer noch prachtvollen Ruinen schwebt eine nicht bewältigte dunkle Vergangenheits-Wolke. So liegen südwestlich von Berlin die Beelitzer Heilstätten. In dem ehemaligen Militärkrankenhaus wurden bereits Hitler und Honecker verarztet - Ersterer nach seiner Oberschenkel-Verletzung in der Schlacht an der Somme. Zu Zeiten der UdSSR machten es die Sowjets zu einem der größten Militärkrankenhäuser außerhalb ihres Landes. Honecker wurde dort 1990 mit Leberkrebs eingeliefert. Nach dem Abzug kamen Investoren, meldeten Insolvenz an und verschwanden wieder. Roman Polanski drehte dort einige Szenen für "Der Pianist". Auch wesentliche Teile von "Operation Walküre", dem Film über das Stauffenberg-Attentat mit Tom Cruise, wurden auf dem weitläufigen Gelände gedreht. Aktuell drehen immer wieder mal Bands ihre Videos hier, und an fast jedem Wochenende finden sich eine Handvoll Instagramer ein und verbreiten mit ihren Fotos im Netz Gänsehaut und viel Stoff für Albträume.

Auch die Heilstätte Grabowsee ist so ein Ort. Rund 30 Kilometer vom Alexanderplatz entfernt wartet ein Dornröschen-Areal auf die Erweckung. Immobilienkaufmann Heinz Müller aus Berlin hatte das Areal der ehemaligen Lungenheilstätte 2002 erworben.

Mit dem Verein Kids Globe war eine Jugendbegegnungsstätte geplant, die jedoch nie verwirklicht wurde. Müller scheint nun selbst das brachliegende Potenzial erkannt zu haben und will die einzigartige Lage an Wald und See nutzen. Aktuell ginge es noch um Fragen zu Tier- und Pflanzenschutz, wie der Investor meint. Der Baustart ist ungewiss, die Finanzierung jedoch stehe, so Müller. Viele der verwunschen dreinblickenden Häuser der einstigen Lungenheilstätte verfallen allmählich - ob der Atem Müllers reicht, um so ein riesiges Projekt zu stemmen, fragen sich so manche in Berlin.

Geduldige Investoren gesucht

Trist ist auch das Schicksal des Elisabeth-Sanatoriums. Erbaut wurde es von Walter Freimut, der nach der Machtergreifung der Nazis mit seiner jüdischen Frau Elisabeth in die USA flüchtete. Nach Mauerfall und Schließung der Klinik im Jahr 1994 wurde die Immobilie restituiert, 2005 kam sie unter Denkmalschutz. Seit damals gab es wenig inspirierte Versuche: ein Baumarkt, ein Handwerksdorf. Mehr konnte sich niemand für das von Fernstraßen und Autobahnen umgebene Gelände vorstellen. Das ehemalige Kinderkrankenhaus in Weißensee ist ebenso ein Präzedenzfall für die Unfähigkeit von Stadt und Land Berlin, eine vernünftige urbane Planung umzusetzen. Das 1911 eröffnete Kinderkrankenhaus ist eine schreiende Ruine: Graffti-besprühte Wände, Verwahrlosung, Tristesse. Seit 1997 steht das erste kommunale Säuglings- und Kinderkrankenhaus Preußens leer und verfällt. Dabei waren die Pläne groß: 2005 hatte der Liegenschaftsfonds des Landes Berlin das 28.000 Quadratmeter große Gelände an einen Investor verkauft, der dort ein Krebsforschungszentrum errichten wollte. Doch statt zu investieren, ließen die Eigentümer das Areal mit den denkmalgeschützten Gebäuden immer weiter verfallen. Es wurde zum Treffpunkt für Sprayer, Obdachlose und Fotografen.

Mittlerweile ist das Gelände wieder im Besitz der Berliner Immobilienmanagement (BIM). Im Auftrag des Landes Berlin ist die Gesellschaft für Vermietung, Bewirtschaftung und Verwertung von insgesamt ca. 4.500 landeseigenen Immobilien verantwortlich - aber nur eingeschränkt aktiv, behaupten Kritiker.

Party bei Saddam Hussein

Ein skurriler Fall - aber eben auch typisch Berlin - ist die Irakische Botschaft in Pankow. Der Irak und die DDR waren seit 1969 auf Kuschelkurs. Damals hatte der Irak die DDR als erstes nicht kommunistisches Land anerkannt. Also wurde 1974 den Brüdern aus Bagdad eine schmucke Botschaft gebaut, im 70er-Jahre-Pomp, eine Mischung aus Nomenklatura-Schick und einem Hauch von Orient-Interieur. Die beiden Länder befanden sich im steten Informationsaustausch bei der Entwicklung chemischer, atomarer und biologischer Waffen. Im Januar 1991, zur Endphase des Golfkrieges, ließ das wiedervereinigte Deutschland die Botschaft räumen. Seit mehr als 25 Jahren steht das Gebäude nun leer.

Leichen im Keller

Dem ehemaligen Institut für Anatomie der FU Berlin geht es nicht besser: Kühlräume für Leichen und Seziertische im Keller, Hörsäle im oberen Stockwerk. Das verlassene Institut für Anatomie der Freien Universität Berlin in Dahlem ist ein gespenstischer Ort. Bereits 1928 wurde es erbaut, ab 1949 diente es der Universität. Im Jahre 2003 fusionierten die Einrichtungen der medizinischen Fakultäten der Freien und der Humboldt-Universität. Im Zuge dieser Fusion wurde das Institutsgebäude 2005 geschlossen und Forschung und Lehre an den Campus Mitte verlagert. Später kaufte Aldi das Gelände, um ein Einkaufszentrum zu errichten. Doch der Bezirk machte den Planern einen Strich durch die Rechnung und untersagte dem Investor die Genehmigung - die Politik wünschte sich Eigentumswohnungen auf dem Gelände. Wie es mit der Ruine weitergeht, ist derzeit unklar.

Hoffnung und Chuzpe für Berlin

Ein Bau-Zombie der Sonderklasse hat nun Chancen auf eine Auferstehung: Das Haus der Statistik am Alexanderplatz, ein Bürogebäude aus DDR-Zeiten, das schon lange dem Verfall preisgegeben ist. Die Fassade des Hochhauses an der Otto-Braun-Straße ist ein Schandfleck, sogar für den Alexanderplatz. Der Senat möchte diesen Schandfleck nun beseitigen. Fast 140 Millionen Euro will die Stadt investieren, um das riesige Gebäude wieder zu beleben. Der Anstoß, das 1970 eröffnete Haus der Statistik vom Bund zu erwerben, kam von einer Initiative aus Planern, Kulturschaffenden und Flüchtlingshelfern. Sie haben ein Konzept ausgearbeitet, wonach das Gebäude als Heimat für Ateliers, Bildungs- und Integrationsangebote dienen soll, aber auch als integrativer Wohnraum für beispielsweise Geflüchtete, Studenten und Senioren. Solche und ähnliche Initiativen forderten Anfang September Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft auf dem ersten Liegenschaftskongress Berlins. "Unser Ziel ist es, die Immobilienpolitik des Bundes gemeinnütziger auszurichten. Auf die Belange der Kommunen muss Rücksicht genommen werden, um gerade in wachsenden Städten preiswertes Wohnen zu gewährleisten. Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum in Berlin und anderen Großstädten sowie steigende Kosten beim Wohnungsbau sind unsere größten Herausforderungen", erklärte Margaretha Sudhof, Staatssekretärin, Senatsverwaltung für Finanzen (SPD), auf dem Kongress.

Und es wäre irgendwie nicht Berlin, wenn nicht die Degewo, das Berliner Wohnungsbauunternehmen, in den Sozialen Medien mit dem Aufruf werben würde, vergessene Locations und Geheimtipps in Berlin zu verraten. Mein Tipp: Rufen Sie Herrn Kühne vom Film an!