Immobilien Magazin

VOM GLÄSERNEN GEBÄUDE ZUM GLÄSERNEN MENSCHEN

Das grünste Gebäude der Welt zu sein: Diesen Anspruch erhebt das Büroobjekt The Edge in Amsterdam. Optimiert werden in dem Gebäude aber nicht nur der Verbrauch, sondern auch die Mitarbeiter.

Autor: Stefan Posch

Außergewöhnliche Immobilien findet man nicht nur in Dubai, Singapur oder Taiwan. Auch mitten in Europa stehen Gebäude, die weltweit einzigartig sind. Das Objekt The Edge in Amsterdam ist ein Beispiel dafür. Es ist nämlich das nachhaltigste Gebäude der Welt.

Realisiert wurde das Gebäude von OVG Real Estate, dem größten Immobilienentwickler der Niederlande. Ron Bakker und Lee Polisano vom Londoner Architekturbüro PLP Architecture planten das außergewöhnliche Projekt. 2014 kaufte Deka Immobilien das Gebäude mit 40.000 Quadratmeter Bruttogeschoßfläche in einem Forward Deal. Eröffnet wurde das Büroobjekt im Folgejahr. Bei der BREEAM-Zertifizierung erreichte das Gebäude in der Kategorie der Neubauten die höchste jemals vergebene Bewertung von 98,36 Prozent und wurde als "outstanding" klassifiziert.

Gebäude als Kraftwerk

Das Gebäude produziert mehr Energie, als es verbraucht. Dafür sorgt auch seine Gestaltung, mit der das Sonnenlicht optimal genutzt werden kann. Die Glasfassade ist so errichtet, dass man so lange wie möglich vom natürlichen Tageslicht profitieren kann, ohne dass die Innentemperatur beeinflusst wird. Hocheffiziente Sonnenpaneele sind auf der südlichen Seite und am Dach des Gebäudes angebracht und sorgen auch für einen wirksamen Schutz vor Erhitzung. Die gesamte Stromversorgung inklusive der E-Ladestationen in der Tiefgarage wird durch die Paneele gewährleistet.

Das beeindruckende, lichtdurchflutete Atrium, das über alle 15 Stockwerke des Gebäudes hinweg in die Höhe ragt, sorgt dafür, dass die Büros so viel natürliches Licht wie möglich abbekommen und dass so wenig künstliches Licht wie nur möglich vonnöten ist. Zudem sind die 6.000 LED-Leuchten an einen Tageslicht-, Temperatur-, Infrarot- und Bewegungssensor gekoppelt, sodass sie nur dann aktiv sind, wenn auch Licht benötigt wird. Jeder Mitarbeiter kann die Beleuchtung und das Raumklima mit einer speziell entwickelten App steuern. Das Beleuchtungssystem stellt sich aber auch automatisch auf die Gewohnheiten der anwesenden Menschen ein. Die Leuchten verbrauchen so wenig Strom, dass ein Ethernet-Kabel mit Niedrigstrom ausreicht, um diese mit genügend Energie zu versorgen. Somit ist jede Leuchte des Gebäudes an das Internet angeschlossen. Philipps entwickelte diese Technologie eigens für The Edge.

Für Heizung und Kühlung wurden in 130 Meter Tiefe zwei Grundwasserbrunnen angelegt, einer für kaltes und einer für warmes Wasser. Solarbetriebene Grundwasser-Wärmespeicher-Pumpen befördern, je nach Außen- und Innentemperatur, warmes oder kaltes Wasser in oder aus dem Gebäude. Im Sommer wird Warmwasser in die Speicher geführt und kühles Wasser in das Gebäude gepumpt. In der kalten Jahreszeit ist es umgekehrt. Zudem wird das Regenwasser aufgefangen und für die Bewässerung der Büropflanzen und die Spülung der Toiletten genutzt.

Internet of things

Ankermieter im The Edge ist das Beratungsunternehmen Deloitte, das auch schon bei der Projektentwicklung stark eingebunden war. 2.500 Mitarbeiter von Deloitte arbeiten hier. Die Anzahl der Arbeitsplätze beläuft sich aber auf nur knapp die Hälfte. Die Shared-Desk-Policy hat hier eine neue Dimension erreicht. 28.000 Sensoren im Gebäude sorgen dafür, dass den Mitarbeitern eine optimale Umgebung für ihre Arbeit geboten wird. Die gesammelten Daten können aber auch zu einer Optimierung der Mitarbeiter selbst führen. Schließlich wird so gut wie jeder Schritt mit aufgezeichnet. So teilt die App den Mitarbeiter einen passenden Arbeitsplatz zu, je nachdem, was für Termine gerade anstehen. Ist etwa eine Besprechung geplant, reserviert die App automatisch ein Konferenzzimmer und leitet die Teilnehmer zu der entsprechenden Räumlichkeit. Es gibt aber auch Sitzplätze, Stehpulte, Arbeitsecken, Teamräume, Balkonplätze oder sogenannte Konzentrationsräume. Auch das Arbeiten im großen Atrium wird ermöglicht. Die Einteilung geschieht schon beim Betreten des Gebäudes beziehungsweise bei der Einfahrt in die Tiefgarage, wo eine Kamera die Nummerntafel des einfahrenden Autos registriert. Die Software registriert auch, welche Toiletten benutzt wurden. So müssen dann nur die Toiletten gereinigt werden, die auch tatsächlich in Verwendung waren. Das lichtdurchflutete Atrium sorgt dafür, dass die Büros genügend Tageslicht bekommen.

App geht einkaufen

Die App schlägt auch Rezepte für das Abendessen nach dem Arbeitstag vor. Dabei wird natürlich auf die Gesundheit der Mitarbeiter geachtet. Die vorbereiteten Zutaten können nach getaner Arbeit im hauseigenen Shop abgeholt werden. OVG Real Estate sieht das Gebäude aber nur als Vorbild für viele weitere Projekte an. Erst im April dieses Jahres kündigte der Entwickler mit dem Edge Grand Central das erste Edge-Gebäude in Deutschland an. Das in der Berliner Europacity gelegene neunstöckige Multi-Tenant-Gebäude bietet rund 22.800 Quadratmeter Büro- und Communityflächen. Im ersten Quartal 2020 soll es fertiggestellt sein. ImmobilienScout24 ließ kürzlich verlauten, dass sie 14.000 Quadratmeter in dem Gebäude anmieten werden.